Abschlussstatement

Liebe UnterzeichnerInnen und UnterstützerInnen,


zuallererst danken wir Euch ganz herzlich für Eure Unterstützung, ohne die unsere Initiative nicht solche Wellen geschlagen hätte. Innerhalb einer Woche haben fast 14.000 Doktoranden, 18.000 Promovierte und mehr als 31.000 Unterstützer den „Offenen Brief“ an die Bundeskanzlerin unterzeichnet. Wir hatten niemals mit einem solchen Zulauf und Zuspruch gerechnet und sind noch immer überwältigt von Eurer Solidarität. Die restlichen Unterschriften werden wir der Bundeskanzlerin in den nächsten Tagen zukommen lassen.

Ziel unseres Briefes war es, unseren Protest gegen die ungenügende Reaktion der Bundesregierung auf die Plagiatsvorwürfe gegen den ehemaligen Verteidigungsminister zum Ausdruck zu bringen. Unserer Meinung nach handelte es sich hier um die Verharmlosung zweier schwerwiegender Vorgänge: die vorsätzliche und systematische Täuschung sowie der Bruch eines „akademischen Ehrenwortes“, zu welchem sich jeder Doktorand bei der Abgabe seiner Promotion verpflichtet. Dieser Entwicklung wollten wir im Rahmen unserer Möglichkeiten entgegentreten, weil wir durch eben jene Bagatellisierung des Vorgangs die Grundlagen unseres wissenschaftlichen Arbeitens und die politische Kultur gefährdet sahen.

Auch wenn die ganz überwiegende Zahl an Rückmeldungen sehr positiv ausfiel, so sind wir in den letzten beiden Wochen hin und wieder mit zwei Vorwürfen konfrontiert worden, auf die wir an dieser Stelle eingehen möchten. Wir weisen erstens die Unterstellung zurück, dass es sich bei unserem Brief um eine parteipolitisch inspirierte Kampagne gegen einen Minister der Christlich-Sozialen Union gehandelt habe. Dies war nie der Fall. Wir haben stets die Überparteilichkeit unserer Initiative betont und nach dieser Maxime gehandelt. Wir sind allerdings froh, dass wir mit unserer Initiative dazu beitragen konnten, dass die Politik nicht einfach zur Tagesordnung übergehen konnte – ganz so, als wäre nichts geschehen.

Zweitens wurde uns gelegentlich vorgehalten, wir hätten unsere Initiative nur auf den Weg gebracht, um uns auf Kosten eines beliebten Ministers selbst ins mediale Rampenlicht zu schieben. Zwar haben wir die Medien, alte wie neue, gesucht und genutzt, um unserem Anliegen Gehör zu verschaffen und Unterstützer zu gewinnen. Hierbei war die mediale Berichterstattung jedoch allein Mittel zum Zweck. Ohne die Berichterstattung in den "klassischen" Medien wäre die Initiative nicht so erfolgreich gewesen.

Unsere Facebook-Seite (http://www.facebook.com/OffenerBrief) bleibt für die weitere Diskussion geöffnet. Auch stehen wir gerne zur Verfügung, wenn die Gruppe als Plattform bzw. Kommunikationsmedium genutzt werden soll, um eine weitere Auseinandersetzung mit den Sachfragen zu befördern. Prinzipiell sind jetzt jedoch andere an der Reihe. Als spontaner Zusammenschluss fehlen uns die institutionellen Ressourcen, um dem Thema angemessen nachzugehen. 

Wir begrüßen, dass Herr zu Guttenberg die Konsequenzen aus seinem gravierenden Fehlverhalten, das mehr als nur eine „Jugendsünde“ war, gezogen und sein Ministeramt niedergelegt hat. Das zentrale Ziel unseres Briefes war jedoch eine Stellungnahme der Bundeskanzlerin zu der Frage, welchen Stellenwert sie der wissenschaftlichen Forschung und der Redlichkeit im Ausüben selbiger einräumt. Eine solche Stellungnahme der Bundeskanzlerin ist, ganz zu unserem Bedauern, noch nicht erfolgt. Aus unserer Sicht ist der Flurschaden für den Wissenschaftsstandort Deutschland, den der Umgang der Bundesregierung mit der Causa Guttenberg angerichtet hat, leider erheblich. Daher ist eine weitere Auseinandersetzung mit der Thematik unerlässlich.

Wir werden die nächsten Wochen dazu nutzen, um kritisch einige Fragen zu reflektieren, welche uns nach wie vor umtreiben: Wie konnte eine solche Dissertation mit „summa cum laude“ begutachtet werden? Warum haben die Vorgänge um den ehemaligen Verteidigungsminister eine solche Reaktion in uns ausgelöst? Was sagt der Umgang mit der Plagiatsaffäre über die Wertschätzung wissenschaftlicher Arbeit in unserer Gesellschaft aus? Warum war es so schwer, vielen Menschen die Dimension der Affäre zu vermitteln? Welche Rolle haben wissenschaftliche Institutionen und Verbände in der „Causa Guttenberg“ gespielt, und wenn sie keine gespielt haben, warum nicht?

Wir hoffen, dass die Empörung über die Causa Guttenberg in Wissenschaft und Politik eine intensive Debatte über einige grundlegende Fragen zum Verhältnis von Politik und Wissenschaft im Allgemeinen sowie zur Doktorandenausbildung im Besonderen auslöst. Dazu gehören eine Auseinandersetzung mit den bestehenden Mechanismen zur wissenschaftlichen Selbstkontrolle, eine Analyse möglicher Verbesserungen von Bewertungskriterien bei der Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten sowie eine Debatte über die Rolle dominanter Wissenschaftsnetzwerke. Dies ist jedoch in erster Linie eine Aufgabe für die Interessenvertretungen der Promovierenden und Promovierten. Sofern wir aber dabei behilflich sein können, Akteure in diesem Bereich miteinander zu vernetzen, kommen wir dieser Aufgabe natürlich gerne nach. Ihr könnt uns weiterhin über doktorandenbrief@googlemail.com kontaktieren. Wir würden uns freuen, wenn es uns allen gemeinsam gelänge, aus der "Causa Guttenberg" positive Schlussfolgerungen zu ziehen, die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland zu thematisieren und zu verbessern sowie eine intensivere gesellschaftliche Debatte über den Stellenwert von Wissenschaft in der "Bildungsrepublik" anzustoßen.   


Mit nochmaligem Dank für all Eure Unterstützung


Euer Team „Offener Brief“

Adrian, Anna, Frederik, Hannes, Johannes, Mark, Olaf, Susanne, Thomas und Tobias